Eingang.
Alle Schrift von Gott eingegeben, ist nütze zur Lehre, zur Strafe, zur Besserung, zur Züchtigung in der Gerechtigkeit; sagt der Apostel 2. Tim. 3,16. Er erklärt also die ganze heilige Schrift für eingegeben von Gott und für nützlich. Die Nützlichkeit der Schrift leuchtet fast aus allen Theilen derselben hervor. Aber der Ausspruch des Apostels lautet so allgemein, daß gar nichts von der Nützlichkeit ausgenommen ist, wenn uns dies auch nicht immer und überall einleuchtet. Und ist es etwa uns nicht nützlich, so ist es das Andern, ist’s jetzt nicht mehr, so war’s ehemals. – Paulus selbst erscheint oft als ein seltsamer Schriftausleger. So führt er z.B. 1. Tim. 5,18. die göttliche Anordnung an, den Ochsen, die man ehemals zum Dreschen brauchte, das Maul nicht zu verbinden; und zwar als einen Beweis, daß die Gemeinen schuldig sind, für den Unterhalt ihrer Prediger zu sorgen. 1. Kor. 9,9. führet er denselben Beweisgrund an und setzt noch wohl seltsamer Weise hinzu: Sorget Gott für die Ochsen? Oder sagt er’s nicht allerdings um unsert willen? – denn es ist ja um unsert willen geschehen. Dasselbe sagt er auch Röm. 4. von Abraham, von welchem die Schrift sagt: er hat Gott geglaubet, und das ist ihm zur Gerechtigkeit gerechnet. Dasselbe ist aber geschrieben nicht allein um seinetwillen, sondern auch um unsertwillen, welchen es soll zugerechnet werden, so wir glauben an den, der unsern Herrn Jesum auferweckt hat von den Todten. Bei Letzterm leuchtet es aber eher ein, als bei dem, was Gott von den Ochsen sagt. – Welche merkwürdige Deutung gibt der Apostel Gal. 4., der Geschichte mit Ismael und Isaac, sagt ausdrücklich, die Worte bedeuten etwas und zwar die beiden Testamente, wovon eins zur Knechtschaft, das Andere zur Freiheit gebiert, und führt dabei die Bedeutung des Namens Hagar im Arabischen an, welche die Mutter Ismael’s war. Bekannt ist es auch, welche wichtige Lehren er im Hebräerbrief aus der Bedeutung des Wortes Melchisedek herleitet, und sogar aus dem sowohl herleitet, was von ihm gesagt, als verschwiegen wird.
Die Geschichte der Kinder Israel, sonderlich in der Wüste, betrachtet er so, daß er 1. Kor. 10,6. sagt: „Das ist uns zum Vorbild geschehen.“ Er führt das rothe Meer, das Manna, den Felsen, so wie Christus die kupferne Schlange an. – Ueberhaupt ist die Geschichte der vierzigjährigen Reise der Kinder Israel durch die Wüste, zu allen Zeiten höchst bemerkenswerth. Gott selbst giebt 5. Buch Mose 8. verschiedene wichtige Zwecke derselben an, z.B. 1) daß alles kund würde, was in ihren Herzen wäre; 2) daß er sie demüthige, damit er ihnen hernach wohlthäte; 3) daß sie nicht sagten: mein Vermögen und meiner Hände Stärke haben mir dies ausgerichtet; 4) nicht meinten, als kämen sie um ihrer Gerechtigkeit und ihres aufrichtigen Herzens willen, in Canaan u.a.m. Die Reisegeschichte des alten Volkes Gottes ist auch diejenige des jetzigen, und wird die Reisegeschichte bleiben, einzelne Ausnahmen abgerechnet, bis es in Canaan kommt.
Laßt mich jetzt meinen Zweck, warum ich das bisher Angeführte gesagt habe, näher treten und euch denselben mittheilen.
Schon lange war mir das Register der Lagerstätten merkwürdig. Ich wußte wohl, daß die Namen derselben alle ihre Bedeutung hätten und es sich damit nicht verhielte, wie mit manchen unserer Oerter, deren Namen weiter keine Bedeutung haben (als Berlin, Weimar u. dgl.). Auch glaubte ich, daß diese bedeutende Namen ihr Wichtiges und Lehrreiches enthielten: deshalb suchte ich ihre Bedeutung zu wissen, was mir so ziemlich gelang, und wenn es schwer war, die eigentliche Bedeutung zu bestimmen, und das Wort mehr als Eine zuließ, so schien mir auch das lehrreich, weil der Christ auch wohl Wege geführt wird, die er nicht recht zu benennen weiß. Als ich so weit war, wollte ich auch gern darüber predigen, scheute mich aber doch aus manchen Gründen, es zu thun. Ich dachte an diejenigen, welche etwa, wenn sie die seltsamen Texte hörten, mit Recht denken würden: findet er denn nun keine deutliche Texte genug, daß er solche seltsame wählt? Was soll das vorstellen? Und wirklich, sollte mir kund werden, daß mehrere unter euch so denken, so will ich von meinem Vorhaben abstehen, dessen Zweck kein anderer als unsere Erbauung ist, und also wegfallen muß, wenn dieser Zweck verfehlt wird. Auch behalte ich mir selbst meine Freiheit vor, abzubrechen, wenn’s mir selbst nicht mehr zusagte, fortzufahren. Besonders und am meisten begehre ich und ohne Zweifel ihr mit mir, daß der Herr aus und in Gnaden sich das Gespräch unserer Lippen wohlgefallen laße und seinen Segen dazu verleihe, daß unsere Betrachtungen uns zur Erbauung gereichen mögen. Gefallen euch aber die Texte nicht, so äußert euch so darüber, daß ich’s wieder erfahre, so will ich sehr bereitwillig andere deutliche suchen, deren Sinn jeder vernimmt, der deutsch kann, ohne in alten Büchern nachschlagen zu müßen, die er nicht haben kann.
Betet denn mit mir:
(Gebet.)
Text: 4. Buch Mose 33,1-5.
Dies wäre demnach unser Text, und wenn ihr das Uebrige dieses Kapitels zu Hause durchsehen wolltet, so würdet ihr da bis zum 49. Vers, ein Verzeichniß der Texte finden, worüber ich, unter Voraussetzung dessen, was dabei vorausgesetzt werden muß, eine Zeitlang zu predigen gesonnen wäre, wenn’s euch nicht zuwider ist.
Moses beschrieb die Reise des Zuges Israel in diesem Kapitel. Er that das nicht, weil er gerade selbst eine Neigung dazu gehabt hätte, sondern er that’s auf ausdrücklichen Befehl des Herrn. Ist das nicht geeignet, in uns die Fragen aufzuregen: was war die Absicht dieses Befehls? Und da er blos Namen betrifft, was mag hinter diesen Namen stecken? Liegt etwa auch für uns etwas Nützliches zur Lehre, zur Strafe, zur Besserung, zur Züchtigung in der Gerechtigkeit, darin? Finden wir hier etwa Fußtritte der Schaafe? wie es zur Braut im Hohenliede Kap. 1,8. heißt: Kennest du dich nicht, du Schönste unter den Weibern, so gehe hinauf auf die Fußtritte der Schaafe. Sollten die innerlichen Führungen der Seelen nicht manches Aehnliche haben mit den äußerlichen des alten Volkes Gottes, und wäre es nicht auch angenehm, wenn man bemerkte, man wäre etwa auch da, wo die Kinder Israel sich befanden, als sie zu Suchot, Elim oder Horgidgad sich lagerten? Durften sie sich doch nicht lagern, wo sie wollten, sondern wo die Wolken- und Feuersäule sie hinführte, und mußten auch so lange da bleiben, bis sie das Signal zum Aufbruch gab. Nirgends als hier sind Frühpredigten; warum sollte es denn nicht erlaubt seyn, in denselben, auch mit zur Belustigung, Texte zu nehmen, die sonst nicht vorzukommen pflegen? Alles kommt dabei auf des Herrn Segen an.
Der Aufenthalt der Kinder Israel in Egypten mag als ein Bild des Naturstandes gelten. Pharao ist ein Bild des Teufels sowohl als des Gesetzes, so wie Egypten der Welt mit ihren Gütern. Zwar sind hauptsächlich nur stinkendes Knoblauch und Thränen erregende Zwiebeln, welche das Egypten dieser Welt auftischt, auch Fleisch und Fische, aber der verdorbene Geschmack des natürlichen Menschen, der nichts anders kennt wie dies, zieht’s jeglichem andern, sonderlich dem Manna, dieser Engelspeise vor, und hungert nur darnach. Denn ist’s nicht wahr, trachtet nicht der fleischlich gesinnte Mensch nur ausschließlich nach irdischem Gut und zeitlichem Wohlleben? Wie werden seine Begierden darnach entzündet, während die Vorstellung anderer himmlischen Güter nicht vermögend ist, auf sein Begehrungs- Vermögen Eindruck zu machen! Israel ließ sich’s in seinem Gosen vollkommen wohl seyn, ohne nach Canaan zu verlangen; - und ach! steht’s nicht von Natur um uns Alle so? Nach der Natur ging’s ihnen auch besser in Egypten als in der Wüste, und warum wollten wir’s läugnen, daß der Christenstand wirklich ein solcher durchgängig sey, wie Paulus es vermuthen läßt, wenn er sagt: Hoffen wir allein in diesem Leben auf Christum, so sind wie die Elendesten unter allen Menschen. Wir sind wohl selig, aber in der Hoffnung. Christus läßt uns darüber auch gar nicht in Zweifel, wenn er erklärt, wer sein Jünger seyn wollte, der müsse sein Kreuz auf sich nehmen und ihm nachfolgen. Christen heißen Streiter Jesu Christi, und man weiß wohl, wie es im Kriege hergeht, zumal da wir nicht mit Fleisch und Blut zu kämpfen haben, sondern mit Fürsten und Gewaltigen, nämlich mit den Herren der Welt, die in der Finsterniß dieser Welt herrschen, mit den bösen Geistern unter dem Himmel. Die Welt erlaubt sich Alles, und erschrickt wohl, wie Hiob sagt, kaum einen Augenblick vor der Hölle – während ein frommer Assaph klagt, jeder Morgen bringe ihm seine Plage. Sich Augen auszureißen, Hände und Füße abzuhauen, ist kein leichtes Werk, und das Wirken und Schaffen seiner Seligkeit ist allerdings oft mit Furcht und Zittern verbunden. Die Welt mit ihren Gütern und Ergötzlichkeiten ist ein gefährlicher Feind und hält die Meisten gefangen. Wir dürfen uns aber derselben nicht gleichstellen, sondern ausgehen sollen wir und nichts Unreines anrühren, und nach dem trachten, was droben ist. Pharao, sag’ ich, ist ein Bild des Teufels, denn derselbe hält die Menschen gefangen, die deswegen erweckt werden müssen, nüchtern zu werden aus des Teufels Strick, sich zu bekehren von der Gewalt des Satans zu Gott. Er heißt ein Gott dieser Welt, der sein Werk hat in den Kindern des Unglaubens; ein stark Gewappneter, der seinen Pallast bewahret. – Als eine listige Schlange versteht er zu täuschen und zu verführen, und kann sich sogar als ein Engel des Lichts verstellen, der allen Glauben zu verdienen scheint. Als ein starker Löwe weiß er seine Beute mächtiglich festzuhalten. Wie Pharao Israel, so sucht er das Volk Gottes von der Erde zu vertilgen, und alle Wahrheit und Gottseligkeit aus derselben, aus Aller Verstand und Herz zu verdrängen. Schreckt er Etliche durch sein Gebrüll, so weiß er Andere einzuschläfern und geht umher, suchend, welche er verschlinge. Pharao ist auch ein Bild des Gesetzes. Das Gesetz, die Gebote können Niemand selig machen. Niemand wird dadurch zur Liebe Gottes und des Nächsten tüchtig, daß ihm Beides hart geboten wird, dann käme die Gerechtigkeit aus dem Gesetz. Aber obschon das Gesetz nicht selig machen kann, so kann es doch wegen der Seligkeit bekümmert, darnach begierig und für’s Evangelium empfänglich machen, indem es ihn in Angst und Noth setzt. So lange es Israel in Egypten wohl ging, würde Moses mit seiner Predigt: er wolle sie nach Canaan führen, wohl wenig ausgerichtet haben. Was fehlt uns denn hier? würden sie ihm erwiedert und wenig Neigung gehabt haben, in ein fremdes Land zu reisen, wohin sie den Weg nicht einmal wußten. Geht’s nicht eben so mit der Predigt des Evangeliums? Wie will man Jemand bewegen, nach der Seligkeit zu streben, der auch ohne dasselbe wohl zufrieden ist, ja wird er’s nicht als etwas ansehen, daß ihm eine Noth seinen gegenwärtigen Genuß durch Vorspiegelung eines ganz andern, stören wolle, zumal da ihm die im Evangelio verkündigte, von Jesu ausgehende Seligkeit als ein Hirngespinst vorkommt? Was für Annehmlichkeiten wird die Botschaft von der Vergebung der Sünden in dem Blute Jesu Christi für solche haben, die wegen ihrer Sünden ohne Kummer sind, oder sich selbst für so fromm halten, daß sie’s als eine Art von Beleidigung ansehen, wenn man ihnen die Sündenvergebung als ein so großes Gut vorhält? Wie will man Menschen bewegen, auf die Sendung Jesu in die Welt, um zu suchen und selig zu machen, was verloren ist, einen hohen Werth zu setzen, - wie sie bewegen, allen Ernstes ihre Zuflucht zu ihm zu nehmen und ihn dringendst anzuflehen: mache mich auch selig? die sich entweder nicht für Sünder oder doch nicht für so elend halten, daß sie sich selbst nicht sollten durchbringen können, oder denen die Sünde keine Last und Plage ist, kein Druck, von welchem sie vor allen Dingen befreit zu werden begehren! Die Verkündigung des Evangeliums ist bei ihnen eben so vergeblich, als die Empfehlung eines Arzneimittels bei Gesunden. Da muß vorher Noth, Trauer, Angst und Kummer, und zwar nicht natürlicher, sondern geistlichere Art, entstehen, dann giebt man schon gerne acht, wenn von einem Retter die Rede ist. War Jemand krank, so wandte er sich schon zu Jesu, mochten die Andern ihn halten, wofür sie wollten. Mit Noth, Kummer und Elend beginnt das Erlösungswerk, und das Gesetz ist sehr geeignet, diese zu bewirken. Das bildet uns Pharao ab. Er zerstörte das Glück, was die Kinder Israel bisher so genüglich in seinem Lande und in der angenehmen Provinz Gosen genossen hatten, und machte sie zu sehr elenden Leuten, und erzeugte eben dadurch in ihnen ein sehnendes Verlangen nach Erlösung von seiner Bothmäßigkeit. Und wie ging das zu? 1) Beschwerte er sie mit schweren Forderungen, da sie täglich eine bestimmte Zahl Ziegel streichen und liefern mußten. An der bestimmten Zahl durfte nichts fehlen, oder sie wurden von den über sie gesetzten Frohnvögten gar arg mitgenommen. Endlich wurde es ihnen aber gar zu arg gemacht, so daß es ihnen unmöglich wurde, ihr Quantum zu liefern, da man ihnen kein Material mehr dazu hergab, und doch von dem Quantum nichts nachließ. Ihre Beschwerführung bei’m Pharao wurde sehr ungnädig aufgenommen, und sie gar noch für faule Leute ausgescholten. Müßig seyd ihr, ihr seyd müßig! das war der Bescheid, den sie bekamen, und so stieg denn ihre Verlegenheit und Angst auf den höchsten Gipfel.
Wir Menschen wollen alle durch Thun selig werden und wissen auch keinen andern Weg. Der ganz natürliche Mensch aber, meint sehr bald fertig damit zu seyn. Begeht er keine grobe Laster, thut er nur nicht ausgezeichnet Böses, so scheint ihm das genug, gerade als wäre es hinreichend, nur nicht viel Böses zu thun. Thut er Böses, so hat er gleich eine Menge von Entschuldigungen bei der Hand. Oft sollen andere Menschen, oft seine Verhältnisse Schuld daran seyn, oder es ist damit abgemacht, daß wir Alle fehlerhafte Menschen sind. So gar genau kann, darf und wird es nicht halten, und sie lassen sich gar nicht darauf ein, daß dem Gesetz ein durchaus vollkommener Gehorsam geleistet werden müsse. Diejenigen nun, die noch einige Schritte weiter gehen, wirklich ein tugendhaftes Leben führen, wirklich manches Gute üben und manche löbliche Eigenschaften an sich haben, die meinen nun vollends, es könne ihnen gar nicht fehlen. Also setzt das Gesetz sie keineswegs in Verlegenheit oder Angst, sondern es geht ihnen, wie den Kindern Israel, so lange noch keine Frohnvögte über sie gesetzt waren. Da lebten sie vergnügt und sehnten sich nicht nach dem verheißenen Lande. Paulus aber sagt von einer Periode seines innern Lebens: das Gesetz kam und es kommt zu jedem Erweckten als ein Frohnvogt und Zuchtmeister. Die Frage: was muß ich thun, daß ich selig werde? ist ihm wichtig und Hauptsache geworden. Er schickt sich auch wirklich zum thun an, und nimmt sich vor, sich zu bekehren und sein Leben zu bessern, sucht dies auch in eine thätige Ausübung zu bringen. Er fängt seine Besserung an mit ernstlichem Vorsatz nicht nur, sondern auch mit Gebet um den göttlichen Beistand und in der zutrauenden Erwartung, der Herr werde ihm auf diesem guten Wege gewiß Gedeihen geben. Er läßt sich auch gar nicht übel dazu an und es macht ihm guten Muth, daß der Herr Kraft und Stärke geben will, ja, daß Alles durch ihn möglich ist. Ist er noch jung, so freuet er sich schon im Voraus darauf, wie weit er’s nicht noch werde bringen können, wenigstens will er’s an aufrichtigem Ernste nicht fehlen lassen. Allen sonst gewöhnlichen Entschuldigungen giebt er kein Gehör mehr, weil die ihn ja nur lähmen und in seinem Laufe aufhalten würde. Aber es geht ihm wie Leuten, die ein altes Haus repariren; sie meinten, mit einer kleinen Hülfe auszureichen, aber je mehr sie repariren, desto mehr Baufälliges werden sie gewahr und sehen ein, es sei am besten, von Grund aus neu zu bauen. Der weite Umfang der Gebote und die geistliche Beschaffenheit derselben, werden ihnen immer deutlicher. Sie sehen mit Paulo ein, daß selbst die Lust Sünde sey, und machen die betrübende Entdeckung, welche unser Lied in den Worten ausdrückt: die Sünd’ hat mich besessen. Mit der Zeit geht’s der Seele auch so, wie den Kindern Israel, da ihnen das Stroh zu ihren Ziegeln nicht mehr gereicht wurde, wie bisher geschehen war, d.h. sie können je länger je weniger, und sollen je länger je mehr. Wollen sie klagen, so heißt es: Müßig seyd ihr, ihr seyd müßig, es fehlt euch am Ernst, an Aufrichtigkeit, am Gebet, am Glauben. Alles sollen sie selbst thun, und wollen sie sich auf die Genugthuung Christi berufen oder auf Gnade trauen, so wird ihnen das als lauter Faulheit und als ein Ruhekissen für den alten Menschen vorgerückt, und es heißt: Fort an eure Arbeit. Lassen sie’s irgendwo fehlen, so werden sie bitterlich geschlagen. Ihr Gewissen ängstet sie, die Heiligkeit und Gerechtigkeit Gottes schreckt sie, die Drohungen beklemmen sie, so daß sie oft nicht wissen, wo aus noch ein, zumal da ihren besten Vorsätzen die Kraft ermangelt, ihrem Herzen die standhafte Richtung zum Guten zu geben. Jetzt werden sie den Kindern Israel auch wohl darin ähnlich, daß sie vor Angst und Seufzen ihres Herzens, die gute Botschaft von ihrer Erlösung nicht einmal hörten, weil ja nur das Uebel ärger bei ihnen wurde. So wurden sie, so wird man noch für’s Evangelium vorbereitet.
2) Ja, Pharao ging mit nichts geringerm um, als Israel gänzlich auszurotten. Das Gesetz richtet nur Zorn an. Es predigt die Verdammniß. Es verkündigt den Fluch. Es tödtet. Es ist die Kraft der Sünde und erreget allerlei Lust. Es ängstigt und schreckt. Auch ist ihm kein Genüge zu leisten, sondern es dehnt seine Forderungen in’s Unendlich aus, so daß es ganz geeignet ist, die Gemüthsgestalt zu bewirken, welche in dem Liede also ausgedrückt wird:
Die Angst mich zum Verzweifeln trieb,
Daß nichts als Sterben bei mir blieb,
Zur Hölle mußt’ ich sinken.
So ward Israel, so wird der Erweckte in Noth gesetzt und eben dadurch zur Erlösung bereitet. In Egypten konnten sie’s nicht mehr aushalten, aber wußten auch nicht herauszukommen. Egyptens Annehmlichkeiten wurden ihnen gänzlich verleidet, aber die Drangsale, die sie erlitten, machten ihnen die Erlösung so viel herrlicher, welche sie erlangten.
Sie wurden aber erlöset und zwar durch eine hohe Hand Gottes. Sie zogen aus Egypten vor den Augen der Egypter, welche damit beschäftigt waren, ihre todte Erstgeburt zu begraben, so daß Niemand sie hinderte. Der erste Ort, wo sie ankamen, hieß Raemses. Merkwürdiger Name. Er heißt auf Deutsch: Auflösung des Uebels und Freuden-Donner, oder laut jubelnde Freude. Ist das nicht merkwürdig? Ist das nicht der Erfahrung gemäß? Entspringt nicht eins aus dem Andern, die jubelnde Freude aus der Aufhebung des Uebels? Und freilich, wie groß mußte die Freude, wie groß und weit umher hörbar die Freude der Kinder Israel seyn, als sie sich nun wirklich, was sie oft gar nicht hatten hoffen dürfen, aus der Hand Pharao’s und aller seiner Tyrannei erlöset sahen! War ihnen einst bei der Erlösung aus Babel wie den Träumenden, so mußte ihnen jetzt auch also zu Muthe seyn, und sie die Wirklichkeit nicht ohne große Freude glauben und sehen. Was wird’s einst seyn; wenn die müden Streiter von dem mühseligen Kampfplatz dieser Erde erlöset, auf immer und vollkommen erlöset, eingeführet werden in die ewige Ruhe! Wird da nicht auch der erste Ort, wo sie ankommen, Raemses, Freuden-Donner, heißen, weil nun die vollkommene Erlösung von allem Uebel für sie angebrochen ist? Aber etwas Aehnliches ereignet sich hienieden schon, sonderlich alsdann, wenn die geängstete Seele, sie, die kein Durchkommen mehr sah und ihre Errettung fast für ein Stück der Unmöglichkeit hielt, sie, die sich nicht vorstellen konnte, daß sie je eine fröhliche Stunde auf Erden mehr würde haben, will geschweigen, zu einer wahren Freude und zu der gewissen Versicherung ihrer Begnadigung, ihrer Kindschaft und ihres unzweifelhaften Antheils am ewigen Leben, gelangen könne, sie, die es nur niederschlug, wenn man ihr Muth zusprechen und sie zum Glauben ermuntern wollte, weil Alles gewiß noch einmal ganz gut gehen werde, und die vollends zaghaft wurde, wenn sie Andere getrost und freudig sah, - wenn eine solche Seele nun oft ganz unerwartet und schnell von der Finsterniß zu des Herrn wunderbarem Lichte berufen und tüchtig gemacht wird, seine herrlichen Tugenden zu verkündigen, wenn der Vater den verlornen Sohn, da er noch ferne ist, schon erblickt, ihm entgegen eilt, umarmt, küßt, auf’s Schönste schmückt und köstlich bewirthet, da entsteht ein Raemses und man hört den Gesang und Reigen. Oft weiß sich die nun getröstete Seele gar vor Freude, Dank und Liebe nicht zu lassen. Sie vergißt jetzt nicht nur alles ausgestandenen Leides, sondern wollte wohl gern zehnmal mehr und länger ausgestanden haben. Ihre feurige Dankbarkeit und die Liebe Christi dringt sie, sich gänzlich Christo und seinem Dienste unwiderruflich aufzuopfern, möge es ihr auch dabei ergehen, wie es will. Alles will sie leiden, meiden, thun. In solcher Seelenverfassung sagt man: ich schwöre und will es halten, daß ich die Rechte deiner Gerechtigkeit halten will. Da ruft man: Kommt her, die ihr den Herrn fürchtet, ich will erzählen, was er an meiner Seele gethan hat. Dann sagt man: Da vergabst du mir die Missethat meiner Sünde, Sela! und kann es festiglich und mit Anwendung auf sich selbst glauben: wenn die Sünde blutroth ist, soll sie doch schneeweiß werden, und wenn sie gleich ist, wie Rosinfarbe, soll sie doch wie Wolle werden; ruft mit dem Propheten verwundernd aus: Wo ist ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergiebt, und erläßet die Missethat den Uebrigen seines Erbtheils; und spricht: Lobe den Herrn, meine Seele, und was in mir ist, seinen heiligen Namen! Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiß nicht, was er dir Gutes gethan hat! Der dir alle diene Sünde vergiebt, und heilet alle deine Gebrechen, der dein Leben vom Verderben erlöset, der dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit! Danksaget nun dem Vater, der uns errettet hat von der Obrigkeit der Finsterniß, und hat uns versetzet in das Reich seines lieben Sohnes. Der nach seiner großen Barmherzigkeit uns wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung, durch die Auferstehung Jesu Christi von den Todten, zu einem unvergänglichen und unbefleckten und unverwelklichen Erbe, das behalten wird im Himmel. Nein, nicht um der Werke willen der Gerechtigkeit, die wir gethan hatten, sondern nach seiner Barmherzigkeit, machte er uns selig, durch das Bad der Wiedergeburt und Erneuerung des heil. Geistes. Jetzt heißt die Seele: meine Lust an ihr, und wunderbarer Weise steht die schöne Frucht des Geistes wie durch einen Zauberschlag auf einmal in ihrer lieblichen Anmuth und der neue Mensch da, voll Liebe, Friede, Gerechtigkeit und Freude im heiligen Geist, wie wenn im Frühling ein warmer Regen der Erde in kurzer Zeit ihr Winterkleid auszieht und den festlichen Schmuck anlegt. Die Sünde, das böse Gewissen, Furcht und Zweifel, sind wie verschwunden und an deren statt blühet das Reich Gottes in der Seele, Gerechtigkeit, Friede und Freude im heiligen Geist. – Dies alles ist der vorhin so geängsteten Seele etwas ganz neues, das sie nie gekannt hat, es ist dasjenige, was nie in eines Menschen Herz gekommen ist, und das Gott bereitet hat, denen, die ihn lieben. Kein Wunder, wenn sie darüber in ein Freudengeschrei ausbricht, das sie oft nicht blos für sich behalten kann, sondern es auch andern mittheilt, möchte es auch heißen: diese sind voll süßen Weins; wenn sie mit jener Sünderin an Jesu Füßen liegt und sich über denselben ausweinet. Kein Wunder auch, wenn sie jetzt die größten Dinge verspricht und sie halten zu können glaubt. Kein Leiden soll ihr zu schwer seyn, sondern ihr Herr, der sie geliebet und sich selbst für sie dargegeben hat, mag ihr nur getrost auferlegen, was er gut findet; keine Verläugnung, kein Opfer, keine Pflicht soll ihr zu hart seyn, denn ihre dankbare Liebe weiß keine Gränzen. Insbesondere will sie nun auch stets in einem unendlichen Vertrauen zu Jesu beharren, wozu sie auch jedes Blatt in der heiligen Schrift auffordert, welche ihr jetzt so ausnehmend klar ist, daß ihr gleichsam jener Stern vorleuchtet, welcher vor dem Weisen herging und sie zu Jesu weiß, ohne daß sie einer andern Anleitung bedurften. – Doch wer je zu Raemses gewesen ist, der weiß auch, wie es da so herrlich zugeht. Alle Weltfreude ist dagegen nicht nennenswerth, sondern billig ginge Jeder hin, verkaufte Alles, was er hat, um diese Perle zu kaufen, die reicher macht, als alle sonstigen Schätze, prächtiger ziert, als jeder andere Schmuck. Du erfreuest mein Herz, ob jene gleich viel Wein und Korn haben. Wenn du mich tröstest, so laufe ich den Weg deiner Gebote.
Dies war der erste Lagerplatz. Und gewöhnlich pflegt der bußfertigen Seele ein köstlicher Willkomm im Reiche Jesu Christi zu Theil zu werden, abgebildet durch das Freudenmahl und die andern Fest- und Feierlichkeiten wegen der Rückkehr des verlornen Sohnes; durch die Freude über das wiedergefundene Schaaf, das der Hirte auf seine Achseln nimmt und nach Hause trägt; über den wiedergefundenen Groschen, wo die Nachbarinnen zur Mitfreude zusammengerufen werden, wovon Jesus Luc. 15. redet. Freilich ist dies nicht bei allen Seelen gleich groß, wie es auch die Arbeit der Buße nicht ist, und das Eine richtet sich gewöhnlich nach dem Andern. Aber jede Seele empfängt doch einige liebliche Gnadenbröcklein, welche ihr lebenslänglich unvergeßlich bleiben.
Nun ist es denn auch nicht zu verwundern, wenn der zweite Lagerplatz Suchot, d.h. Hütten, genannt wird; denn so findet’s sich auch in der geistlichen Reiseroute des Volkes Gottes. Dieser Name erinnert uns theils an die Erwartungen, die Begierden und Hoffnungen der also erquickten und getrösteten Seelen, diese Freude werde nun an einem fortdauern. Ja, ihre Glaubensgründe leuchten ihr mit einer solchen Klarheit und Gewißheit ein, daß sie schwerlich begreift, wie es ihr je wieder sollte anders werden können. Nimmt sie nur den Einen Spruch: Es ist je gewißlich wahr und ein theures, aller Annehmung werthes Wort, daß Jesus Christus in die Welt gekommen ist, Sünder selig zu machen; - so hat ja an demselben allein, der Glaube Stütze und Fundament genug. Mag’s denn aussehen bei ihr, wie es will, so kommt doch ein Sünder heraus. Und die will Jesus gewiß selig machen. Was kann also zugleich klarer und zuverläßiger seyn; dies allein ist schon genug. Es steht ja unerschütterlich fest. Was braucht man mehr? Sein ganzes Lebenlang glaubt man damit auszukommen, und es ist ja so fest versiegelt. So denkt die Seele und scheint ganz richtig zu schließen. Sie spricht demnach mit David: Nimmermehr werde ich danieder liegen, denn durch dein Erbarmen hast du mein Herz fest gemacht; - sagt mit Petrus auf dem Berge: Herr, hie ist gut seyn, hie laß uns Hütten bauen! – um sobald noch nicht, oder auch gar nicht von hinnen zu gehen. Ist das nicht auch sehr wünschenswerth? O! rief Hiob, Kap. 29., daß ich wäre wie in den vorigen Tagen, in den Tagen, da mich Gott behütete, da seine Leuchte über meinem Haupte schien und ich bei seinem Lichte in Finsterniß wandelte, wie ich war in meiner Jugend, da Gottes Geheimniß über meiner Hütte war!
Aber das Wort Suchot, Hütten, deutet auch auf etwas Unbeständiges, Wankelbares. Hütten sind keine Häuser, die für eine lange Zeit berechnet sind, sondern bedürfen nur, wie Zelte, einiger Stangen, Seile und Teppiche, so sind sie fertig, können also leicht aufgeschlagen, abgenommen und anders wohin versetzt werden.
Hienieden sind nicht nur die irdischen Dinge sehr veränderlich, sondern auch die Mittheilungen der Gnade. Auch in geistlicher Beziehung redet die Schrift von Abend und Morgen, von grünen Augen, und dunkeln Thälern. Man wohnt in Suchot, in Hütten, und darf’s sich in christlicher Beziehung nicht befremden lassen, wenn’s auf manche Weise abwechselt. Genug, daß die Gnade des Herrn ewiglich währet und seine Barmherzigkeit für immer dar.
Dies ist’s denn, was auf diesmal meine Hand euch zu schreiben gefunden hat. Wohl dem, der aus Egypten erlöset, sich auf der Wallfahrt nach Canaan befindet; mag er denn auch nicht mehr in Raemses, sondern in Suchot seyn.
Moses heißt Zieher, Aaron die Höhe. Der Herr ziehe uns aufwärts und segne uns durch Christum, und führe uns glücklich durch die Wüste heim. Amen.